Gruppe des Kreisverbandes Bündnis 90/Die Grünen Heidelberg besuchte den vor knapp zehn Jahren gebauten Waldwindpark Harthäuser Wald bei Heilbronn
Harthausen bei Heilbronn/Heidelberg. Es ist ruhig an diesem Abend im Frühsommer. Nur das Summen der Insekten, das Zwitschern der Vögel und das Murmeln menschlicher Stimmen ist zu hören. Schier unglaublich, denn die Gruppe des Grünen Kreisverbands Heidelberg steht direkt unter einem sich drehenden Windrad. Vor knapp zehn Jahren wurde 18 der Rotoren im Harthäuser Wald bei Heilbronn aufgestellt. Heute wachsen Bäume wieder bis auf wenige Meter heran, gleich daneben blühen Wiesen.

Heidelberg Bürgerentscheid am 12. Juli
Grund des Besuchs ist ein Bürgerentscheid. Am Sonntag, 12. Juli, entscheiden die wahlberechtigten Heidelbergerinnen und Heidelberger über die Frage, ob die Stadt die Voraussetzungen für eine mögliche Entwicklung von Windenergieanlagen am Lammerskopf weiterverfolgen soll. Ab Montag, 8. Juni, werden die Wahlbenachrichtigungen samt Infoflyer versandt.
Ein Bündnis aus Energiegenossenschaften, Fridays for Future und Scientists for Future, aber auch SPD; Linken, Volt sowie Bündnis 90/Die Grünen hat sich zusammengefunden und will mit Veranstaltungen, Infoständen, aber auch Haustürbesuchen informieren. Das für einen positiven Ausgang erforderliche Quorum hat es allerdings in sich: 20 Prozent der Wahlberechtigten müssen mit „Ja“ stimmen, damit die derzeit geplanten acht Windräder (sieben auf Heidelberger, eines auf Neckargemünder Gemarkung) entstehen und Elektrizität für die Hälfte der Haushalte oder 100.000 Menschen liefern könnten. Acht Hektar von der mehr als 600 Hektar großen Fläche am Lammerskopf würde dafür benötigt.
Leistungsstärkster Windpark im Land
Für die zu leistende Überzeugungsarbeit und als Motivationshilfe sind Fakten gefragt. Die gab es beim Besuch im Windpark Harthäuser Wald reichlich. Der ist mit einer Gesamtleistung von 54 MW der leistungsstärkste im Bundesland und umfasst 18 Windkraftanlagen. Gebaut und betrieben wird er von der ZEAG Energie AG, einem der ältesten deutschen Energieversorger. Der Windpark befindet sich in einem großen Waldgebiet im nordöstlichen Teil des Landkreises Heilbronn. Er ist gekoppelt mit einer Freiflächen-Photovoltaikanlage.
Die Menschen mitnehmen
Gleich drei Mitarbeiter der ZEAG Energie AG um Projektleiter Thomas Lang nahmen sich Zeit für die Gruppe aus Heidelberg, um zu berichten, wie es gelungen ist, in ihrer Region nicht nur erneuerbare Energie in dieser Dimension zu erzeugen, sondern auch die Bevölkerung auf dem Weg mitzunehmen. Kern des Ganzen ist, dass die Kommunen und die Bürgerschaft nicht nur von Beginn an voll einbezogen sind und die Kontrolle behalten über das, was auf der Gemarkung geschieht, sondern auch direkt davon finanziell profizieren. Sei es als Gewerbesteuer, als Pacht oder in Form von Anteilen aus dem Erlös, der an die örtlichen Vereine geht.
„Die Gemeinden tragen kein finanzielles Risiko, haben aber Kontrolle und Mitsprache“, so Lang. Widerstand gebe es vor allem dann, wenn Menschen sich überfahren fühlten. Er und sein Team verbringen deshalb sehr viel Zeit im Vorfeld aller Planungen damit, den Menschen Rede und Antwort zu stehen. „Wir schaffen erst Fakten, wenn alles in trockenen Tüchern ist“, sagt er. Dieser Ansatz komme gut an.
Außerdem gab es im Vorfeld zahlreiche Untersuchungen, die sowohl den Eingriff in Pflanzen- und Tierwelt wie auch in die Landschaft akribisch unter die Lupe nahmen und bei der Entscheidung der konkreten Standorte berücksichtigten. Wenn „Fledermausflugtag“ ist, wie am Tag des Besuchs, werden die Anlagen in der kritischen Zeit eben abgeschaltet.
Vor Ort erstaunte die Besucherinnen und Besucher aus Heidelberg neben der Ruhe und dem Eingebundensein der Anlagen in die Natur auch, wie gering die sichtbaren Eingriffe sind: Das Scheibenfundament hat gerade einmal einen Durchmesser von 24 Metern bei 3,50 Euro Tiefe. Die Waldwege wurden zwar für den Transport der Rotorblätter stabilisiert, aber kaum verbreitert. Von gewöhnlichen Waldwegen sind sie nach zehn Jahren nicht mehr zu unterscheiden. 
Daten und Fakten
Windpark Harthäuser Wald
Bau und Betrieb: ZEAG Energie AG
18 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 54 Megawatt
Jahresertrag ca. 118 Mio kWh, Kohlendioxid-Einsparung über 82.000 Tonnen pro Jahr
Inbetriebnahme: Oktober 2015 bis September 2017
Windenergieanlagen Enervon E-115 mit Nennleistung 3000 kW, Rotordurchmesser 115, Nabenhöhe 149 Meter, Drehzahl, Umdrehungen von 4 bis 12 Mal pro Minute
So lange dauert der Bau einer Enenergieanlage: Wegebau, 10 Tage, Fundament 15-20 Tage, Turmbau 15-20 Tage, Anlagenmontage 10-15 Tage, etwa 2 Monate pro Windrad
Nachhaltige Anlagetechnik:
Kein Getriebeöl in der Gondel: Einsparung bis zu 1000 Liter pro Anlage, keine schnell drehenden Anlageteile, keine Entwicklung von Nebengeräuschen in windarmen Betriebszeiten, geringer Wartungsaufwand und geringe Anzahl von
Servicefahrten, weniger Verschleiß und Schallreduzierung.
Ausgleichsmaßnahmen: kein Quadratmeter Wald geht verloren. Die benötigten Waldflächen für Kranstellflächen und Zuwegung, etwa 45 Ar pro Anlage werden eins zu eins an anderer Stelle am Rand der kommunalen Wälder wieder aufgeforstet, außerdem gibt es zahlreiche Ausgleichsmaßnahmen, auf der ökologisch wertvolle Flächen für die Tier- und Pflanzenwelt entstehen. Bereits vor Baubeginn wurden 170 Vogel- und Fledermauskästen in räumlicher Nähe der Rodungsflächen aufgehängt. Nach 30 Jahren kann alles wieder abgebaut und der Wald renaturiert werden.
Es fanden von 2012 bis 2014 umfangreiche Studien über Auswirkungen auf Natur- und Artenschutz im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsstudie statt. Untersuchte Schutzgüter waren Boden, Wasser, Klima, Luft, Pflanzen und Tiere, Mensch, Landschaft, Wald und Kultur: Fledermausgutachten, Wildkatzenvorkommen, Ornithologisches Gutachten, Biotypen und übrige Artengruppen, Aktionsraumanalyse der windkraftsensiblen Fauna. Die Studie und die zugehörigen Gutachten haben einen Umfang von über 1500 Seiten, die Kosten beliefen sich auf etwa eine Million Euro.








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