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Aktuelles von Wolfgang Erichson

Dankesfest Kommunaler Integrationsplan, Spiegelsaal, 14.12.2011, 18:30 Uhr

Weitere Infos (u.a. zum Integrationsplan) finden Sie unter: Integration - mit allen und für alle

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Öney,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Würzner,
sehr geehrte Damen und Herren Gemeinderäte,
sehr geehrte Mitglieder des Ausländer- und Migrationsrates,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Integration findet vor allem in den Städten statt und deshalb beschäftigen sich Kommunen mit der Frage, wie Integration vor Ort erfolgreich organisiert werden kann.
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Mit der Schaffung eines eigenen Dezernates wurde das Thema durch den Oberbürgermeister und den Gemeinderat 2007 in die breite öffentliche Diskussion gerückt und mit meiner Wahl zum Integrationsbürgermeister auch der politische Wille zum Ausdruck gebracht, dass sich nicht nur Politik und Verwaltung, sondern dass sich die ganze Zivilgesellschaft in Heidelberg diesem Thema stärker stellt.


(v.l.n.r.: BM Wolfgang Erichson , OB Dr. Eckart Würzner, Integrationsministerin Bilkay Öney, Herr Michael Mwa AlliMadi (Vorsitzender des Ausländer-/Migrationsrats))
Foto: Dorn


Heidelberg wird als herausragender Wissenschaftsstandort auch sehr stark von den hier lebenden Menschen mit ausländischen Wurzeln geprägt. Und so verwundert es kaum, dass zwei Drittel der in Heidelberg lebenden Migrantinnen und Migranten über Hoch- und Fachhochschulreife oder vergleichbare Abschlüsse verfügen.

                                       
Dieses Bild macht deutlich, dass Heidelberg eine andere Perspektive bieten kann als im gesamtgesellschaftlich geführten Diskurs über Integration in der Bundesrepublik Deutschland.

In Heidelberg steht der potenzialorientierte Ansatz im Vordergrund. Es ist das Bewusstsein, dass die Mehrheitsgesellschaft von den Stärken und Talenten seiner ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bzw. seiner Migrantinnen und Migranten profitiert
und sich die Stadt durch Weltoffenheit und Internationalität auszeichnet.

Zum Stichtag 30.11.2011 lebten in Heidelberg 21.317 Menschen mit 166 unterschiedlichen Staatsangehörigkeiten, wobei die Türkei, Italien, die USA (ohne stationierte Soldatinnen und Soldaten), Polen und Frankreich die größten Einzelgruppen stellen. Die Zahl der Einbürgerungen hat sich seit 2004 stabil bei rund 300 pro Jahr eingependelt und wir können sagen, dass inzwischen fast 30 % aller Heidelberginnen und Heidelberger eine Migrationsgeschichte haben.

Natürlich nehmen auch in Heidelberg die Beteiligten an der Diskussion, was Integrationspolitik leisten soll, unterschiedliche Positionen ein. So wird insbesondere von Gruppen, die im sozialen Bereich und Flüchtlingsbereich tätig sind, tendenziell eher die Defizitperspektive eingenommen, wie sie sich auch im Bericht zur "Sozialen Lage in Heidelberg" abbildet.

Untersuchungen, dass Migranten häufiger von Armut bedroht sind, dass das Armutsrisiko am höchsten bei alleinerziehenden Migrantinnen ist und die Übergangsquote zum Gymnasium bei Migrantinnen und Migranten signifikant kleiner ist als bei deutschen Jugendlichen, stützt all jene, die Migrationspolitik stark im Fokus des Ausgleichens dieser Defizite sehen wollen.

Diese unterschiedliche Betrachtung führt auch hier in Heidelberg immer wieder zu kontroversen Diskussionen, die ich Ihnen gern an einem Beispiel erläutern möchte:

Ist die Tatsache, dass jeder dritte Jugendliche mit Migrationshintergrund in Heidelberg den Übergang aufs Gymnasium schafft, ein Erfolg, wenn die Quote landes- und bundesweit unter 20 % liegt, oder ein Misserfolg, weil die Quote bei deutschen Jugendlichen mehr als doppelt so hoch ist?

Dazu war der Ansatz richtig, vor Erstellung des Kommunalen Integrationsplanes alle Informationen über die Ist-Situation zusammenzuführen.

So wurde einerseits eine Bestandsaufnahme der laufenden Projekte und Aktivitäten, die in Heidelberg speziell für Menschen mit Migrationshintergrund angeboten werden, durchgeführt und andererseits eine Umfrage zur Lebenssituation von Menschen mit Migrationshintergrund in Heidelberg in Auftrag gegeben.

Heidelberg war damit die erste Kommune Deutschlands, die mit einer repräsentativen Umfrage zur Lebenssituation von Migrantinnen und Migranten mehr Informationen über Lebenslagen, Sichtweisen und Einstellungen von dieser Personengruppe bekommen hat.

Das Ergebnis hat uns erfreut und angespornt zugleich.

Erfreut, weil die meisten Befragten keine gravierenden Integrationsprobleme empfinden und sich als Angehörige der multiethnischen Gesellschaft verstehen. Sie wollen sich aktiv in die deutsche Mehrheitsgesellschaft einbringen, ohne dabei ihre kulturellen Wurzeln zu vernachlässigen oder gar zu vergessen.

Angespornt, weil neben all jenen, die Schule und Berufsausbildung oder Studium erfolgreich absolviert und den Weg in ein eigenverantwortliches und selbstständiges Leben geschafft haben, es noch zu viele gibt, die trotz langjährigen Aufenthalts weder die deutsche Sprache noch die Sprache ihrer Eltern richtig beherrschen. Sie verfügen oft über keinen Schulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Sie leiden dadurch erheblich öfter unter Arbeitslosigkeit, sind somit sehr viel häufiger von Armut bedroht und ziehen sich schließlich immer weiter aus der Gesellschaft zurück.

So war es folgerichtig, einen Kommunalen Integrationsplan zu erarbeiten, um die Integrationspolitik der Stadt Heidelberg inhaltlich zu unterfüttern und einen konkreten Maßnahmenkatalog auf den Weg zu bringen.

Der Plan verdeutlicht aber auch, dass die Heidelbergerinnen und Heidelberger mit und ohne Migrationsgeschichte gemeinsame Interessen haben.

Deshalb war es uns wichtig, bei der Erarbeitung eines Kommunalen Integrationsplanes auch alle Akteure einzuladen mitzuwirken. Diese Zusammenarbeit mit den Vertreterinnen und Vertretern der Institutionen, Verbände, Initiativen, Vereine, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Sport, Kultur und Politik und deren Engagement war für den Erfolg unverzichtbar; nur durch einen solch offenen Planungs- und Entscheidungsprozess konnte es gelingen, die erforderliche Akzeptanz herzustellen, damit die Empfehlungen, die in ausgewählten Handlungsfeldern erarbeitet wurden, auch wirklich akzeptiert und gelebt werden.

Das Motto dieses Prozesses "Mit allen für alle" soll verdeutlichen, dass dieser Plan von jenen erarbeitet worden ist, die selbst Menschen mit Migrationshintergrund sind bzw. von Menschen, die lange in der Migrationsarbeit tätig sind. Und so waren es insgesamt über 100 Personen, die in Arbeitsgruppen über ein Jahr lang - ausgehend von der Bestandanalyse  - daran gearbeitet haben, konkrete Handlungsempfehlungen zu entwickeln.
Arbeitsgruppe Sprachförderung und Bildung, denn Sprache und Bildung sind der Schlüssel zur Integration. Hier danke ich stellvertretend den beiden Arbeitsgruppenleiterinnen, Frau Professorin Dietrich von der Pädagogischen Hochschule, und Frau Dr. Nipp Stolzenburg, der Leiterin der Volkshochschule Heidelberg.

Arbeitsgruppe Ausbildung, Arbeitsmarkt und Wissenschaft, denn Menschen mit Migrationshintergrund üben häufig Tätigkeiten mit geringer Qualifikationsanforderung aus und haben ungünstigere Start- und Entwicklungspositionen. Hier danke ich stellvertretend dem Leiter der Arbeitsgruppe, Herrn Özgan Ergen, Projektleiter "AzuBi statt ungelernt" der Jugendagentur Heidelberg.

Arbeitsgruppe Familie, Gesundheit und Versorgungssysteme, denn Familie, Rollenbilder und auch Rollenklischees können Integration fördern, aber auch behindern und der Zugang zu den sozialen Versorgungssystemen und zu den Gesundheitsangeboten und Vorsorgeuntersuchungen ist gerade bei Menschen mit Migrationshintergrund stark zu verbessern. Hier danke ich stellvertretend der Leiterin der Arbeitsgruppe, Frau Christine Köhl aus dem Referat Gesundheitsförderung und Berichterstattung des Gesundheitsamtes des Rhein-Neckar-Kreises.

Arbeitsgruppe Wohnumfeld und Bürgerschaftliches Engagement, denn das unmittelbare Wohnumfeld ist das wichtigste Kontaktfeld zwischen Einheimischen, Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund. Motivation zu bürgerschaftlichem Engagement und interkultureller Dialog und Austausch sind unverzichtbar für eine Willkommenskultur. Hier danke ich stellvertretend den beiden Arbeitskreisleitern/innen, Frau Ulli Leßmann von der Freiwilligenbörse des Paritätischen, und dem Studiendekan der SRH Hochschule, Herrn Professor Martin Albert.

Und nicht zuletzt die Arbeitsgruppe Sport und Kultur, denn die Einbindung von Menschen mit Migrationshintergrund in das lokale Vereinssystem sind wichtige Rahmenbedingungen für das soziale Zusammenleben und Chance der Integration. Ich danke stellvertretend dem Arbeitsgruppenleiter, Herrn Dr. Hamdi Galal El-Din, dem Integrationsbeauftragten des Sportkreises Heidelberg.


Auf Basis dieser Vorschläge haben dann die Fachämter der Stadt Heidelberg gemeinsam mit den Arbeitsgruppen von Mitte 2009 bis Anfang 2010 den konkreten Kommunalen Integrationsplan erarbeitet. Es war uns wichtig, dass die Verwaltung mit den Beteiligten zusammen die Handlungsfelder und Prioritäten identifiziert, die angepackt werden müssen. Allerdings war es uns genauso wichtig, dass dies auf Augenhöhe geschieht und so haben wir den Prozess durch die KGSt (das ist der von den Städten, Gemeinden und Kreisen gemeinsam getragene Fachverband für kommunales Management) mode-rieren und steuern lassen.
Nicht "Wünsch Dir was" sollte im Kommunalen Integrationsplan stehen, sondern konkrete Handlungsanweisungen und Arbeitsaufträge differenziert nach kurz-, mittel- und langfristiger Umsetzung.

Ich danke daher heute auch den vielen Vertreterinnen und Vertretern fast aller Fachämter der Stadtverwaltung, den städtischen Gesellschaften, insbesondere der GGH Gesellschaft für Grund- und Hausbesitz, dem Kulturhaus Karlstorbahnhof und der Technologiepark Heidelberg GmbH.

Im Dezember 2010 wurde der Plan vom Gemeinderat nach intensiver politischer Diskussion beschlossen und bildet nunmehr die Grundlage der Integrationspolitik in Heidelberg.

Ganz besonders möchte ich natürlich dem Ausländer- und Migra-tionsrat als dem politisch legitimierten Gremium für alle ausländischen Vereine und Migrantenselbstorganisationen für seine wesentliche Rolle in diesem Prozess danken.

Stellvertretend möchte ich mich bei den Vorsitzenden dieses Gremiums bedanken, die mit den Mitgliedern des Ausländer- und Migrationsrates in langer mühseliger Kleinarbeit mit dafür gesorgt haben, dass wir heute diesen Erfolg feiern können, der natürlich auch maßgeblich Ihr Erfolg ist:

Frau Stadträtin Margret Dotter von 1990 bis 1995

Herr Memet Kilic (MdB) von 1995 bis 2002

Frau Yeo-Kyu Kang von 2002 bis 2009

Herr Michael Allimadi seit 2009


Wir haben infolge des verabschiedeten Planes auch in der Verwaltung das Thema "Integration" neu verankert, indem wir es vom Bürgeramt zum Amt für Chancengleichheit verlagert haben. Mein besonderer Dank gilt daher heute auch Herrn Köster, Frau de Wit, Frau Klingler, Frau Stantejsky und ihrem Team, die von 2007 bis Frühjahr 2011 den Prozess bis zur Fertigstellung des Kommunalen Integrationsplans maßgeblich begleitet haben.

Mein Dank geht auch an das Amt für Chancengleichheit: Frau Domzig und dem fast gleichen Team, das seit Mai 2011 federführend für dieses Thema zuständig ist.

Die Stadt Heidelberg hat seine kommunale Integrationspolitik unter das Leitmotiv der gleichberechtigten Teilhabe aller Menschen unter dem Dach des Amtes für Chancengleichheit verankert. Mit der Zuordnung zum Fachbereich Chancengleichheit wollen wir alle Maßnahmen zur Integration in die Umsetzung der Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene einbinden, die wir in Heidelberg bereits 2007 unterzeichnet haben. Dort haben wir uns zu konsequenter Zielgruppensensibilität verpflichtet und somit einen qualifizierten Rahmen auch für das Thema Integration geschaffen.

Diese Verknüpfung des Engagements der Stadt Heidelberg für Integration mit dem Engagement für Chancengleichheit hat dauerhaft mehrere Synergieeffekte.

•    Für Migrantinnen und Migranten rückt das städtische Amt für Chancengleichheit besonders auch in seiner Funktion als Antidiskriminierungsstelle stärker in den Blick.

•    Verfahren, die für die Erarbeitung und Umsetzung von Gleichstellungsaktionsplänen entwickelt wurden, lassen sich sehr gut auf die Weiterentwicklung des Kommunalen Integrationsplanes übertragen. Als wichtiger nächster Schritt wird beispielsweise gemeinsam mit dem Ausländer- und Migrationsrat auszuloten sein, in welchem Umfang die Erfolgsindikatoren, die es für den Gleichstellungsaktionsplan bereits gibt, für die Projekte des Kommunalen Integrationsplanes genutzt werden können.

Und wir arbeiten bereits an den Schwerpunktprojekten des Planes, auch wenn wir ihn erst heute formal veröffentlichen und übergeben.

Der Gemeinderat wird hoffentlich morgen die Mittel für den Baustein eines Interkulturellen Zentrums in Gründung mit einer Fachberatungsstelle für Migrantenselbstorganisationen freigeben. Das endgültige Interkulturelle Zentrum könnte dann 2015/2016 eines der Leuchtturmprojekte im Rahmen der IBA sein, die der Gemeinderat hoffentlich auch morgen auf den Weg bringen wird.

Wir fördern bereits Projekte

im Bereich der Bildung:
u. a. Bildungspatenschaftsprojekte, Rucksack, Welcome, Elternmentoren, Schüler helfen Schüler;

im Bereich Sport:
Dialog und Bewegung, Anpfiff ins Leben, Beton heißt Stärke;

das Generationenprojekt "Wohnen für Hilfe" u. v. a.


Mit dem Kommunalen Integrationsplan hat die Stadt Heidelberg gezielt mit den relevanten Akteurinnen und Akteuren der Stadtgesellschaft vor Ort ein umfassendes zielgruppensensibles und geschlechterdifferenziertes Integrationsförderprogramm (Sprache, Bildung, Vermittlung in Arbeit, Wohnen, Sport) entwickelt und wird es nach und nach umsetzen. Die Mitwirkung aller, der Einheimischen wie der Zugewanderten, im Alltag in den Stadtteilen und Vereinen, an Schulen und am Arbeitsplatz wird dazu führen, dass wir die Menschen zusammenführen und ihnen Ängste und Vorurteile nehmen.

Wir wollen, dass in der Stadt Heidelberg ein Klima von Offenheit und Toleranz, Internationalität und Weltoffenheit herrscht. Die Lebensbedingungen und die hohe Lebensqualität sollen die Stadt für alle Menschen als Wohn- und Arbeitsort attraktiv machen. Heidelberger Migrantinnen und Migranten sind in allen relevanten gesellschaftlichen Bereichen vertreten und übernehmen einen aktiven Part bei der Weiterentwicklung der Stadt Heidelberg hin zu einer zukunftsfähigen Stadt.

Eine wirksame kommunale Integrationspolitik ist eben mehr als nur die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen.
Unser politisches Ziel bleibt es, ein gemeinsames "Wir-Gefühl" zu stiften. Vor allem junge Migrantinnen und Migranten sollen erkennen, dass es sich lohnt, sich für diese Gesellschaft zu entscheiden und sich mit ihren eigenen Fähigkeiten und Potentialen einzubringen. Dabei belassen wir es nicht bei vagen Willensbekundungen, sondern werden ganz konkret und greifbar.

Und lassen Sie mich in diesem Zusammenhang noch eine ganz wichtige humanitäre Herausforderung erwähnen:
Im Sinne einer sozialverträglichen Stadtentwicklung tragen wir auch den Bedürfnissen von Flüchtlingen - unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Aufenthaltsstatus - Rechnung. Auch Menschen, die mit einem eingeschränkten Aufenthaltsstatus bei uns leben, macht die Stadt Integrationsangebote wie Sprachkurse und unterstützt die schulische Integration.

Mit dem Kommunalen Integrationsplan wird aber auch klargestellt, dass Politik allein es nicht richten kann. Nach meiner festen Überzeugung liegen alle Fragen der Integrations- und Migrationsangelegenheiten in der Verantwortung aller: der deutschen und nichtdeutschen Bevölkerung, der Politik, der Verwaltung, der öffentlichen und freien Träger.

Integrationspolitik in Heidelberg zeichnet sich darin aus, dass die Migrantinnen und Migranten als Aktive und Akteure einbezogen sind. Sie sind nicht Objekt der Integration, sondern sie sind diejenigen, die Integration verantwortlich mitgestalten.

Das ist eine entscheidende Botschaft des Kommunalen Integrationsplanes Heidelberg: Wir betrachten Vielfalt als Chance.

Lassen Sie mich mit einem afrikanischen Sprichwort schließen:

Wenn du schnell gehen willst, gehe alleine, wenn du weit gehen willst, gehe gemeinsam!


Gedenken der Stadt Heidelberg anlässlich der Pogrome am 09.11.1938, Synagogenplatz, 09.11.2011, 18:00 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine ganz besondere Ehre, Sie auch im Namen der Jüdischen Kultusgemeinde, der Ge-sellschaft für christlich-jüdische Zusammenar-beit, des Gemeinderates und des Herrn Ober-bürgermeisters Dr. Würzner sowie meiner Kollegen Bürgermeister hier auf diesem Platz begrüßen zu dürfen.

Ich freue mich, dass so viele von Ihnen der Einla-dung gefolgt sind.

Vor 73 Jahren ging von München ein furchtbares Signal aus. Eine wüste antisemitische Hetzrede des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels im Saal des "Alten Rathauses" am Abend des 9. November 1938 markierte den Auftakt zur so genannten "Reichskristallnacht".

In den folgenden Stunden und Tagen wurden im ganzen Deutschen Reich zehntausende Juden ver-haftet, geschunden und ermordet. Ihre Synagogen wurden zerstört, die jüdischen Friedhöfe verwüstet. Mehr als 30.000 wurden in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau depor-tiert.
Die Novemberpogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung zur systematischen und gewaltsamen Verfolgung und Vernichtung der jüdi-schen Bevölkerung durch das NS-Regime.

Polizisten und Leute der SA in Zivil brachen in die jüdischen Gotteshäuser an, zerstörten alles, was sie in die Hände bekamen, zündeten die gesamte Einrichtung an. Die Juden wurden aus ihren Wohnungen geholt, misshandelt, bedroht, verhaftet, ihr gesamtes Hab und Gut vernichtet. Jüdische Geschäfte, Schulen, Waisenhäuser – kaum etwas blieb verschont. Die Polizei sah zu, die Feuerwehr war nur vor Ort, um ein Übergreifen der Brände auf nichtjüdische Häuser zu verhindern.

Auf ganz besondere Weise ehrt die Jüdische Ge-meinde Berlins heute Abend den Polizeioberleutnant Wilhelm Krützfeld. Als Leiter des Polizeireviers 16 hatte er vor 73 Jahren den Befehl zum Löschen der angezündeten Synagoge in der Oranienburger Straße gegeben und sich damit der allgemeinen antijüdischen Stimmung widersetzt. Das Gotteshaus wurde zwar beschädigt, aber nicht – wie viele andere – zerstört.

7.500 Geschäfte wurden in dieser Nacht demoliert. 1.400, also die Hälfte aller deutschen und österrei-chischen Synagogen, waren nur noch Schutt und Asche. 30.000 vorwiegend männliche Juden wurden in den Folgetagen verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. 91 Menschen sollen während der Reichspogromnacht zu Tode gekommen sein – laut offiziellen Angaben. In Wirklichkeit waren es weitaus mehr – Historiker schätzen zwischen 1.300 und 1.500, die durch den Schock an einem Herzinfarkt starben, sich aus Leid und Scham das Leben nahmen oder in den Konzentrationslagern zu Tode gequält wurden.


In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch die Synagoge hier in der Mantelgasse von den Nazis niedergebrannt. Auch die zweite Heidelberger Synagoge, die orthodoxe Synagoge in der Plöck 35, erlitt ein ähnliches Schicksal. Sie konnte allerdings wieder so weit hergestellt werden, dass für kurze Zeit wieder Gottesdienste stattfinden konnten.

Die niedergebrannte Synagoge in der Mantelgasse wurde im Februar 1939 auf Kosten der Jüdischen Gemeinde abgerissen.
Nach der Pogromnacht wurden mindestens 75 Hei-delberger Männer (in der Regel Familienväter) in das Lager Dachau transportiert und mehrere Wo-chen dort festgehalten.

Obwohl es über 73 Jahre her ist, dass die Zerstö-rung der Synagogen und der Geschäfte unserer jü-dischen Mitbürgerinnen und Mitbürger stattgefunden hat, ist es für uns, die nachkommenden Generationen – ich selber bin 1955 geboren, die wir Krieg, Vertreibung und Vernichtung nicht mehr selbst erleben mussten, umso wichtiger, die Erinnerung wachzuhalten. Nur Aufklärung kann dazu beitragen, eine Wiederholung dieser grauenhaften Geschehnisse zu verhindern. Und diese Erinnerung ist besonders dann wertvoll, wenn sie mit den Worten von Zeit-zeugen wachgehalten werden kann.

In dem Buch "Erinnern, Bewahren, Gedenken" des Wunderhorn-Verlages über die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933 – 1945 finden sich auch Darstellungen der Ereignisse von 1938, so dass ich heute auch an zwei Heidelberger erinnern möchte, die die schrecklichen Ereignisse überlebt und uns ihre ganz persönlichen Eindrücke überlassen haben:

ALFRED FLOR, geboren 1920 in Heidelberg, wohnhaft in der Dossenheimer Landstraße. Am 10. November 1938 wurde Alfred Flor verhaftet und in das Lager Dachau gebracht. Auf Grund der Bürgschaft von Pfarrer Maas, für Flors Auswanderung zu sorgen, wurde er nach acht Wochen entlassen und konnte 1939 eine der letzten legalen Auswanderungsmöglichkeiten nach Palästina wahrnehmen.

Alfred Flor war wenige Tage vor den Ereignissen 18 Jahre alt geworden. Er erzählt, was er am 10. November, also am Tage danach, erlebt hat.

"Ich wurde am Nachmittag verhaftet. Aber ein, zwei Stunden früher hat man mir schon gesagt, ich solle verschwinden: 'Wenn Du heute den Tag überstehst, dann kannst Du wieder nach Hause zurückkommen.' Aber mein Gedanke war: Was hab ich gemacht? Warum soll man mich verhaften? Ich dachte, das ist ein Irrtum."

Aber es war kein Irrtum: Die Gestapo hatte den Be-fehl, alle Juden zwischen 16 und 60 Jahren reichs-weit festzunehmen und in Lager zu deportieren.

Flor wurde, wie er sich erinnert, in den Keller eines Hotels in Bahnhofsnähe gebracht, wo schon 50 bis 70 Juden eingeliefert worden waren.

Es handelte sich wahrscheinlich um das ehemalige Grand-Hotel in der Rohrbacher Straße 11. In diesem Gebäude hatten damals die Heidelberger Ordnungspolizei und die örtliche Gestapo-Stelle ihren Sitz. (Andere Heidelberger Juden wurden an diesem Tag im "Faulen Pelz" festgehalten.)

Flor: "Wir waren nicht lange in dem Keller. Die haben nur aufgeschrieben, der ist da und der ist da, und dann sind wir über die Rohrbacher Straße gegangen. Auf beiden Seiten haben Leute Spalier gestanden, und wir sind durchgegangen. Aber die Leute waren ruhig. Ruhig, nicht geklatscht, nicht geflucht, nichts, ruhig."

Dann ging es durch die Sperre des alten Haupt-bahnhofs, auf das Gleis und im Güterwagen nach Dachau.


RUDOLF H. WEINGÄRTNER, geboren 1927 in Heidelberg. Seine Familie emigrierte 1939 in die USA und er schreibt:

"Dann kam die Kristallnacht am 9. November 1938, die in der amerikanischen Welt erst richtig bekannt wurde, als man im Fernsehen des 50. Jahrestages gedachte. Die Menschen jedenfalls, die ich in New York kennenlernte, als wir schon vier Monate danach dort eintrafen, hatten noch nichts davon gehört, obwohl sorgfältige Leser der New York Times zweifellos in Kenntnis gesetzt waren.

Ich hatte unser Haus am nächsten Morgen wie immer verlassen, um zur Schule zu gehen, und bog gerade um die Ecke in die Bunsenstraße, als ich Herrn und Frau Kahn, Erics Eltern, sah, die ein heilloses Durcheinander von Knöpfen, Fäden und Ähnlichem von der Straße fegten – ein Querschnitt durch den Inhalt des Lagers ihres Geschäfts. Ein paar Männer in SA-Uniform passten auf (mit Erfolg, wie ich später erfuhr, denn als ich hinkam, war schon viel weggeräumt worden). Herr Kahn, ein schmächtiger, ruhiger Mann mit angehender Glatze, der still Fäden und Knöpfe zusammenfegte. Frau Kahn, eine strenge, sar-kastische Frau, die bei Erics Freunden nicht gerade beliebt war, mit dicken Brillengläsern, Schürze, Besen in der Hand. Man sieht, dachte ich, wie verstört und erregt sie ist. Die Kahns bedeuteten mir wortlos weiterzugehen, so dass ich ein paar Minuten später in die Schule kam, in der ein heilloses Durcheinander herrschte.

In der Schule erfuhren wir, dass die Synagoge brannte, dass man in jüdische Häuser und Ge-schäfte eingedrungen war und die Einrichtung zerstört hatte, dass einige Männer festgenom-men worden waren. Man schickte uns nach Hause. Ich kann mich nicht erinnern, danach noch einmal in dem Schulgebäude gewesen zu sein.

Auf dem Nachhauseweg auf der Neuenheimer Brücke sah ich in der Ferne schwarzen Rauch aufsteigen, flussaufwärts, da, wo sich die Syna-goge befand. Sie war kein freistehendes Gebäude, sondern zwischen anderen eingekeilt. Daher ließ man sie nicht bis auf die Grundmauern niederbrennen, doch der Rest, der stehenblieb, war nur noch gut für den Abriss. Kurz darauf durften wir hingehen, und es gelang uns, Gebetbücher und Talithim aus Bänken zu retten, die nicht zerstört worden waren."
Auch aus solchen Erinnerungen von Zeitzeugen er-wächst unsere Verpflichtung, neuen Gefahren für Menschenwürde, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie rechtzeitig und entschieden entgegen-zutreten.

Wenn sich das Unfassbare nicht wiederholen soll, dann müssen wir im Alltag dafür sorgen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Religion und unterschiedlicher kultureller Tradition gemeinsam in Achtung und Respekt voreinander leben – hier in Heidelberg, in Deutschland, in Europa und überall auf der Welt.

Lassen Sie uns gemeinsam Vorurteile und Verunsi-cherung abbauen, die diesem Ziel heute oft noch entgegenstehen. Wir sind es all jenen Menschen, derer wir hier und heute gedenken, schuldig.

Wolfgang Erichson im Gespräch mit der Vorsitzenden des Beirates für Menschen mit Behinderungen Michaela Schadeck

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Eröffnung Queer Festival im Karlstorbahnhof

12.8.2011 Hissen der Regenbogenfahne am Rathaus Heidelberg

(v.l.n.r.: Bertold Quast , Dieter Riegler (Aids Hilfe Heidelberg), Alexander Hendorf (CDS Rhein Neckar), Wolfgang Erichson, Harald Blaul (CSD Rhein Neckar)

 

07.07.2011

Liebe schwule Freunde!

Liebe lesbische Freundinnen!

Liebe Heteros!

Das 3. Festival findet in einer queer bewegten Zeit statt, denn mit der ersten grün-roten Landesregierung dieser Republik wird Baden-Württemberg endlich auch für Lesben und Schwule "normal". Schon innerhalb der ersten 100 Tage schafft die neue Landesregierung Fakten.

Das Kabinett hat diese Woche beschlossen, dass das baden-württembergische Gesetz zur Ausführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes aufgehoben werden soll und damit den Standesämtern die Zuständigkeit für die Begründung von Lebenspartnerschaften zu übertragen wird.

Parallel dazu werde das Innenministerium eine Gebührenregelung für die Begründung von Lebenspartnerschaften treffen, die der Gebührenregelung für die Eheschließung entspricht.

Außerdem wurde ein Gesetzentwurf mit dem Ziel Beamtinnen und Beamten in eingetragener Lebenspartnerschaft in dienstrechtlichen Fragen künftig in vollem Umfang ihren verheirateten Kolleginnen und Kollegen gleichzustellen, eingebracht.

Mit dem nun vorgelegten Gesetzesentwurf zieht die neue Landesregierung endlich mit dem Bund und allen anderen Bundesländern gleich. Die Gleichstellung soll rückwirkend ab dem Inkrafttreten des Dienstrechtsreformgesetzes am 1. Januar 2011 erfolgen, darüber hinaus auf Antrag ab dem 1. Januar 2009.

Mit diesen Gesetzesentwürfen setzt die Landesregierung den ersten Teil des Ziels „Gleiche Pflichten - gleiche Rechte“ um.

Nachdem der Ministerrat die Gesetzentwürfe zur Anhörung freigegeben hat, werden Verbände und Organisationen zu dem Gesetzentwurf gehört. Anschließend wird das parlamentarische Gesetzgebungsverfahren eingeleitet. Spätestens bis zum Jahresbeginn 2012 sollen die neuen Regelungen in Kraft treten.

Aufklärung und Sensibilisierung sind entscheidend, um zu Verständnis und gegenseitiger Wertschätzung zu gelangen. Im nächsten Schritt sollen jetzt die baden-württembergische Schulen dazu anhalten werden, dass in den Bildungsstandards sowie in der Lehrerbildung die Vermittlung unterschiedlicher sexueller Identitäten verankert wird.

Als drittem Schritt plant die Landesregierung einem landesweiten Aktionsplan für Toleranz und Gleichstellung um Konzepte zu entwickeln, damit Vorurteile abgebaut und Baden-Württemberg endlich zu einem Vorreiter für Offenheit und Vielfalt wird.

Mit dem Queer-Festival können wir dieses Jahr gemeinsam im Karlstorbahnhof feiern, dass die Community endlich auch in unserem Bundesland respektiert und gehört wird.

Aber der Kampf um Respekt ist noch lange nicht beendet, sondern es bedarf noch vieler Schritte und weiterer Erfolge, um auch den Südwesten der Republik toleranter und weltoffener zu machen. Queer-Festivals sind dabei ein ganz wichtiger Bestandteil dieser auch politischen Auseinandersetzung.

Ich wünsche uns allen eine gute Zeit, viel Spaß, interessante Begegnungen und alles Liebe.

 


Enthüllung einer Gedenkplatte zur Erinnerung an die Bücherverbrennung 1933, Universitätsplatz

17.05.11
Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine ganz besondere Ehre, Sie auch im Namen des Gemeinderates und des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Würzner zu dieser Feierstunde begrüßen zu dürfen.
Ganz besonders möchte ich Sie, unsere ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, sowie Ihre Angehörigen begrüßen, die Sie unserer Einladung gefolgt sind, Ihre alte Heimat zu besuchen. Sie werden sich bis zum Sonntag davon überzeugen können, wie lebendig und vielfältig das jüdische Leben hier in Heidelberg wieder ist.
Ich danke Ihnen aber auch dafür, dass Sie - vielleicht mit etwas Bangen - der Einladung der Stadt gefolgt sind und dass Sie trotz Ihres hohen Alters die lange Reise auf sich genommen haben, um sich ein eigenes Bild davon zu machen, wie sich Heidelberg, ja wie sich Deutschland und seine Menschen entwickelt haben.
Ich danke Ihnen, dass Sie uns die Chance geben, Ihnen zu zeigen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben.
Genauso herzlich möchte ich aber auch die Delegation aus unserer israelischen Partnerstadt Rehovot begrüßen, die uns ebenfalls die Ehre gibt, diesen Besuch zu begleiten.
Als Letztes möchte ich mich bei Ihnen, Herr Professor Harth, und der Bürgerstiftung Heidelberg dafür bedanken, dass Sie die Initiative ergriffen und den Stein gestiftet haben, der heute am 78. Jahrestag am Ort der Bücherverbrennung hier in Heidelberg dauerhaft verankert werden wird.
Die Bücherverbrennung war ein Symbol für die grausame Konsequenz, mit der die Nationalsozialisten ihre Gegner bekämpften. Und für viele der Schriftsteller, deren Werke 1933 in deutschen Städten auf dem Scheiterhaufen in Flammen aufgingen, begann damit ein Exil auf ungewisse Zeit. Acht der fünfzehn Autoren, deren Namen die Studenten mit ihren Feuersprüchen aufzählten, waren Anfang 1933 noch in Deutschland gewesen. Bis zum Ende des Jahres hatten sechs von ihnen das Land verlassen, nur Erich Kästner ging in die innere Emigration und Carl von Ossietzky war bereits im April von den Nationalsozialisten verhaftet worden.
Ihre Schicksale stehen stellvertretend nicht nur für die anderer Schriftsteller und Publizisten, sondern auch für die von Wissenschaftlern, Architekten und Künstlern aller Sparten, aber auch für Menschen wie Sie, die Heidelberg und Deutschland nach 1933 verlassen mussten.
Das Land der Dichter und Denker erlebte eine Abwanderung großer Teile seiner Intelligenz. Viele der Schriftsteller, deren Bücher 1933 verbrannt wurden und die von da an in Deutschland keine Stimme mehr hatten, verschwanden auch aus dem Gedächtnis der Leser. Und auch nach dem Krieg dauerte es, bis die "verbrannten" Bücher wieder erschienen.
Bertolt Brecht hat in der ihm so eigenen Art einen Aphorismus geschrieben, den ich Ihnen gern noch vortragen möchte, bevor Herr Professor Harth etwas zur Geschichte der Bücherverbrennung hier in Heidelberg sagen wird.
 

Die Bücherverbrennung

Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen öffentlich zu verbrennen, und allenthalben Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der Verbrannten studierend, entsetzt, dass seine Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch zornbeflügelt und schrieb einen Brief an die Machthaber.

Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt mich! Tut mir das nicht an! Lasst mich nicht übrig! Habe ich nicht immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch, verbrennt mich!

(Bertolt Brecht)



 

Begrüßung anlässlich der Veranstaltung zum 100. Weltfrauentag

09.03.2011 um 19 Uhr im Spiegelsaal des Prinz Carl
 
Meine sehr verehrten Damen und natürlich auch meine sehr verehrten Herren,
ich freue mich dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, den 100. Internationalen Weltfrauentag mit uns in Heidelberg zu feiern. Zunächst möchte ich aber die Gelegenheit nutzen, Ihnen, liebe Gäste, zu danken. Viele von Ihnen arbeiten für die Gleichstellung von Frauen und Männern:
  • als ehrenamtlich Tätige in Vereinen und Initiativen,
  • in Kirchen, Parteien und Gewerkschaften,
  • als neben- oder hauptamtlich tätige Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte in Betrieben oder Hochschulen.
Viele von Ihnen sind Vorbilder und Beleg dafür, dass Frauen alles schaffen können und so möchte mein Grußwort gerne nutzen um Ihnen meine ganz persönlichen Gedanken zu 100 Jahre Weltfrauentag vorzustellen.
Wer die Presse und die veröffentlichte Meinung der letzten Tage verfolgt hat dem zeigt sich dass die Diskussion wie folgt abläuft: Die einen meinen, Frauen hätten heute alles erreicht. Die anderen halten dagegen, von echter Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau könne noch längst nicht die Rede sein. Man wirft sich entsprechende Fakten an den Kopf und den anderen wahlweise Verbissenheit oder Blauäugigkeit vor.
Wenn allerdings der einzige Kommentar unseres Ministerpräsidenten zum Weltfrauentag lautet:
Männer ohne Frauen sind traurig anzuschauen,
dann scheint mir, dass die Gruppe der Skeptiker/innen die gesellschaftliche Realität der Bundesrepublik Deutschland besser abbildet.
Unsere Gesellschaft ist vielfältig und unterschiedlich in Bezug auf ihre kulturelle und religiöse Zusammensetzung, aber auch in Bezug auf Geschlecht, Herkunft, Alter, sexuelle Orientierung , Sprachen und physische Fähigkeiten.
Die Stadtgesellschaft des 21.Jahrhundert achtet die Verschiedenheit ihrer Menschen und Gruppen und auf dieser Grundlage des täglichen Zusammenlebens schafft sie Raum für die Differenz. Freiheit, soziale und ökonomische Sicherheit und auch Frieden in einer Gesellschaft hängen heute mehr denn je davon ab, dass es gelingt , sowohl das qualitative Mehr von Vielfalt zu erkennen, als auch Konflikte, die durch ein Aufeinandertreffen von Unterschieden entstehen können, zu bewältigen.
Was wir daraus lernen ist, dass Frauen und Männer gemeinsam für Chancengleichheit kämpfen müssen. U
nd so steckt meines Erachtens im Weltfrauentag vor allem der Widerstand gegen Diskriminierung, Sexismus, Rassismus und die Aufforderung an und für beide Geschlechter zum Engagement für Gleichheit, Demokratie, Eigenständigkeit und Selbstbestimmung.
Es gilt dabei den Boden zu schaffen, auf dem alle Menschen, gleich welchen Geschlechtes oder welcher Herkunft in Frieden und Einklang mit sich und ihrer Umwelt leben können. Ein Weg dorthin steckt vielleicht in dem „8. - März - Ritual“, sich alljährlich bei Veranstaltungen und Diskussionen gegenseitig in diesem Wunsche zu bestärken.
Es ist unbestritten dass der Fortschritt der Frauenemanzipation in den letzten vierzig Jahren eine der größten sozialen Revolutionen des 20. Jahrhunderts ausgelöst hat. Doch nach der rechtlichen Gleichstellung steht freilich immer noch, die soziale Durchsetzung des Egalitätsprinzips an vielen Stellen noch weiter aus.
Ich möchte Ihnen daher gern den Wunschzettel einer Frau vorstellen, den diese anonym ins Internet (www.spreeblick.com) eingestellt hat und der meines Erachtens viel besser als Zahlen und Theorien zeigt wofür dieser Tag steht:
 
  • Ich will gleichen Lohn für gleiche Arbeit und dieselben beruflichen Aufstiegschancen.
  • Ich will, dass wir die Vielfältigkeit auch leben, die uns allen in die Wiegen gelegt wird und uns nicht von Klischees blenden lassen, sondern diese ausrotten.
  • Ich will keinen sexistischen, misogynen Dreck mehr ertragen müssen, sei es in Worten, Taten, Bildern oder welcher Form auch immer.
  • Ich will nicht darauf reduziert werden sowie es obendrein auch noch als Nachteil ausgelegt bekommen, dass ich in der Lage bin, Kinder nicht nur zu zeugen, sondern auch zu kriegen und fordere eine Politik, die eine solche Haltung aktiv unterstützt, anstatt sie in Phrasen zu ersticken.
  • Ich will, dass mich die Gründung einer Familie erfüllt und nicht, dass sie zu meiner Fußfessel wird.
  • Ich will auf der Straße nicht belästigt werden und mich dafür auch noch verbal oder sogar körperlich attackieren lassen müssen, wenn ich darauf nicht reagiere oder meinetwegen mal mit dem dazu passenden Mittelfinger antworte.
  • Ich will einfach alles ausleben können, was mich glücklich macht, ohne durch eine Doppelmoral der Geschlechter abgestempelt zu werden, welche mich selbstverständlich nur verlieren lässt.
  • Ich will, dass Opfern geglaubt wird und Täter gerechte Bestrafungen erfahren.
  • Ich will noch viel viel mehr fantastische Vorbilder auf den Bildflächen dieser Welt sehen.
  • Ich will für meine Rechte als Frau und Gleichberechtigung eintreten können, ohne mir anhören zu müssen, ich wäre zickig/hätte vermutlich meine Tage/bräuchte nur mal wieder ordentlichen Sex, wäre sowieso an allem schuld, was in dieser Gesellschaft schief läuft und insbesondere möchte ich deswegen keine Angst haben müssen.
"Ich will, ich will, ich will!” Hach, ich weiß, das klingt nun alles furchtbar egoistisch, zumal diese Liste sogar noch problemlos fortgeführt werden könnte – dabei will ich einfach mehr Mensch sein dürfen und diese Welt zu einer besseren machen. Für mich, genauso wie für euch und alle, die da noch kommen."
Es ist der 8. März 2011, der 100. Frauentag und immer noch Zeit, weiter zu kämpfen und Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen – vor Ort sowie weltweit.
Denn, um es mit den Worten der Aktion “WeAreEQUALS” auszudrücken: “Sind wir gleichberechtigt?
Bis die Antwort darauf ein ‘Ja’ ist, sollten wir niemals aufhören, diese Frage zu stellen.” .

Termine

09.02.2012:
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11.02.2012:
Mahnwache: Fukushima ist überall! [mehr...]

13.02.2012:
AK Außenpolitik [mehr...]

14.02.2012:
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18.02.2012:
Demonstration gegen Nazi-Aufmarsch in Dresden [mehr...]